{"id":3176,"date":"2019-05-23T16:57:53","date_gmt":"2019-05-23T17:57:53","guid":{"rendered":"https:\/\/hwbk.de\/WordPress_02\/?p=3176"},"modified":"2019-05-23T17:05:40","modified_gmt":"2019-05-23T18:05:40","slug":"demokratie-als-dauerbaustelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hwbk.de\/WordPress_02\/demokratie-als-dauerbaustelle\/","title":{"rendered":"\u201eDemokratie als Dauerbaustelle\u201c"},"content":{"rendered":"\n<h4 class=\"wp-block-heading\">70 Jahre Grundgesetz: Landrat Manfred M\u00fcller diskutierte mit  Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern des Helene-Weber-Berufskollegs \u00fcber die  Bedeutung der Grundrechte im Alltag<\/h4>\n\n\n\n<p>Als die kleine Helene im M\u00e4rz 1881 in Wuppertal-Elberfeld das Licht der Welt erblickte, ahnte niemand, dass diese Frau einmal ganz gro\u00dfe Geschichte schreiben sollte. (Auch) Helene Weber unterzeichnete am 23. M\u00e4rz 1945 an der Seite des damaligen Bundeskanzlers Konrad Adenauer das Grundgesetz f\u00fcr die Bundesrepublik Deutschland (GG), das einen Tag sp\u00e4ter in Kraft treten sollte. 70 Jahre ist das jetzt her: Landrat Manfred M\u00fcller nutzte den runden Geburtstag, um mit Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern der Fachoberschule f\u00fcr Gestaltung und dem Beruflichen Gymnasium f\u00fcr Gesundheit am Helene-Weber-Berufskolleg in Paderborn die Bedeutung der Grundrechte im Alltag zu diskutieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Kreuz im Klassenraum, ist das mit der Religionsfreiheit vereinbar? Kopftuch und Gleichberechtigung? Passt das zusammen? Gleichberechtigung und unterschiedliche Bezahlung von M\u00e4nnern und Frauen f\u00fcr dieselbe T\u00e4tigkeit, muss da der Staat nicht eingreifen? Helene Weber, die sich zeitlebens f\u00fcr die Rechte der Frauen und soziale Gerechtigkeit einsetzte, h\u00e4tte an diesem Vormittag ihre Freude gehabt an der lebhaften Diskussion im Berufskolleg am Maspernplatz.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Grundgesetz war Antwort auf Willk\u00fcr, Verfolgung, Krieg und Gewalt der Nazi-Zeit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Schule in Tr\u00e4gerschaft des Kreises Paderborn tr\u00e4gt ganz bewusst seit August 1998 den Namen von Helene-Weber. Ber\u00fchmt war ihre gro\u00dfe schwarze Handtasche, voller Akten und Schokoladentafeln. Diese verschenkte sie w\u00e4hrend der langen politischen Debatten unter anderem an Adenauer, der einmal gesagt haben soll: \u201eDiese Frau hat mehr Politik im kleinen Finger als mancher Mann in der ganzen Hand\u201c. Drei weitere Frauen und 61 M\u00e4nner geh\u00f6rten jenem Parlamentarischen Rat an, die nur vier Jahre nach dem Ende des Terrorregimes der Nationalsozialisten das vollbrachten, was kaum jemand f\u00fcr m\u00f6glich hielt: aus jenem unheilvollen Nazi-Deutschland einen demokratischen Staat zu schaffen, der seinen B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern atemberaubende freiheitliche Grundrechte zusprach. Man wollte lernen aus der Vergangenheit, sich deutlich von dem Deutschland der Jahre 1933 \u2013 1945 absetzen, eine Antwort finden auf Willk\u00fcr, Verfolgung, Krieg und Gewalt, bereits mit dem ersten Artikel: \u201eDie W\u00fcrde des Menschen ist unantastbar\u201c. Wie sieht das 70 Jahre sp\u00e4ter aus? <br><br>Gelbe und orange Zettel an der Tafel mit allen strittigen Fragen, das Grundgesetz auf dem Tisch, \u201ekann losgehen\u201c sagte Landrat Manfred M\u00fcller, der betonte, wie sehr ihm die Grundrechte in den Artikeln 1-19 am Herzen liegen und wie wichtig ihm sei, genau all das mit der jungen Generation zu diskutieren. Ihnen letztlich ihre \u201eSch\u00f6nheit\u201c und Bedeutung nahe zu bringen. Beispiel Gaffer: <br><br>Haben Menschen das Recht an einem Unfallort sich alles anzuschauen? Nein, meint Alina (Name ge\u00e4ndert). Was denn mit der W\u00fcrde jenes Menschen sei, der da verletzt liege? Und was ist mit dem Recht, sich ungehindert zu informieren? Der Landrat, zugleich auch Chef der Kreispolizeibeh\u00f6rde betonte, dass hier Grundrechte gegeneinander abzuw\u00e4gen seien.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">&#8222;Dann\nwill ich im Ausland auch mit Badeshorts rumlaufen&#8220;(Sch\u00fcler)<\/h4>\n\n\n\n<p>\u201eUnd sp\u00e4testens dann, wenn Polizei und Rettungskr\u00e4fte bei ihrem Einsatz behindert w\u00fcrden, Videos oder Fotos gemacht bzw. ver\u00f6ffentlicht und somit Pers\u00f6nlichkeitsrechte verletzt werden, sind wir im Bereich der Straftat\u201c, erl\u00e4uterte M\u00fcller.<br> N\u00e4chster leuchtender Punkt an der Schultafel: Kopftuch und Gleichberechtigung. \u201eWenn eine Frau sich entschlie\u00dft, ein Kopftuch zu tragen, warum denn nicht\u201c, fragt Klara (Name ge\u00e4ndert). Das genau sei doch auch Ausdruck der Religionsfreiheit, die ebenfalls grundgesetzlich gesch\u00fctzt sei. \u201eDann muss das aber l\u00e4nder\u00fcbergreifend geregelt werden. Und wenn man hier dann ein Kopftuch tragen darf oder nicht, dann will ich im Ausland auch in Badeshorts rumlaufen d\u00fcrfen\u201c, meint Werner (Name ge\u00e4ndert). Klara hakt nach, warum im Klassenzimmer ein Kreuz h\u00e4ngt. Andreas Czorny, Schulleiter des Helene-Weber-Berufskollegs, verweist auf das Vorwort zum Grundgesetz, das beginne mit \u201eIm Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen\u2026hat sich das Deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz gegeben\u201c. Die Schule erinnere mit dem Kreuz genau an diese Passage, es sei ein Symbol, das daf\u00fcr stehe, dass das Helene-Weber-Berufskolleg die Grundrechte achte und f\u00fcr sie einstehe. \u201eAber da steht Gott, viele Religionen haben ein Gott, da k\u00f6nnte auch was anderes h\u00e4ngen\u201c, meint Klara. Czorny l\u00e4chelt: \u201eJa, und es ist Ausdruck unserer christlich gepr\u00e4gten Kultur\u201c, bekr\u00e4ftigt der Schulleiter. Klara l\u00e4sst nicht locker: Warum ist eigentlich nur an Weihnachten und Ostern frei? Warum bekommen Sch\u00fcler aus anderen Religionen keinen freien Tag, um mit ihrer Familie das f\u00fcr sie aus religi\u00f6sen Gr\u00fcnden bedeutende Fest zu feiern? Bei der Genderisierung im Sprachgebrauch sind sich alle einig: die nerve. \u201eEs hei\u00dft der Schrank. Und das soll jetzt unfair sein? Wie bescheuert ist das denn?\u201c, bricht es aus Christine (Name ge\u00e4ndert) heraus. Der Landrat erinnert an den Kampf der Frauen um Gleichberechtigung. Nur hundert Jahre sei es her, dass Frauen w\u00e4hlen durften. Artikel 3 des GG, \u201eM\u00e4nner und Frauen sind gleichberechtigt\u201c ist ein Satz der hart umk\u00e4mpft war, bis er Aufnahme in das Grundgesetz fand. Noch in den siebziger Jahren bestimmte der Mann, ob eine Frau arbeiten durfte oder nicht. Heute k\u00f6nne auch eine Frau sagen, Du bleibt zu Hause, ich geh arbeiten. Christine sagt: \u201eNa, das muss aber ausgehandelt werden. Einer muss sich ja um das Kind k\u00fcmmern. Das darf doch auch nicht auf Kosten des Mannes gehen\u201c. Der Landrat zeigte sich sichtlich beeindruckt von so viel Selbstbewusstsein und Ausgewogenheit. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sch\u00fclerinnen berichten von ungleicher Behandlung im\nPraktikum<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Als\nMadeleine (Name ge\u00e4ndert) erz\u00e4hlt, wie es ihr im Praktikum ergangen ist, wird\nes still im Raum. Sie habe ein Praktikum in einer Werkstatt machen wollen. Dort\nhabe man ihr gesagt, Du bist blond, Du kannst den Boden wischen\u201c. Diana (Name\nge\u00e4ndert) erz\u00e4hlt, dass sie gemeinsam mit einem Jungen ein Praktikum gemacht\nhabe und \u00e4hnliches erfahren habe. Der Junge sei auf Montage mitgenommen worden,\nsie sei in der Werkstatt h\u00e4ufig allein gewesen und habe den Boden fegen\nm\u00fcssen\u201c. Der Landrat ist ersch\u00fcttert: \u201eDa muss offensichtlich in den K\u00f6pfen\nnoch einiges passieren\u201c. N\u00e4chster Punkt: Impfen und die grundgesetzlich\ngarantierte k\u00f6rperliche Unversehrtheit. Im nieders\u00e4chsischen Hildesheim gab es\neinen Todesfall, der wahrscheinlich auf eine Masern-Infektion zur\u00fcckzuf\u00fchren\nist. Ist eine Impfung ein Eingriff in die k\u00f6rperliche Unversehrtheit? \u201eJa, so\neine Spritze ist erst einmal ein Eingriff\u201c, sagt M\u00fcller. \u201eAber die Eltern haben\ndoch die Aufgabe, ihre Kinder zu sch\u00fctzen. Da geh\u00f6rt Impfen doch dazu\u201c, meint\nFriederike (Name ge\u00e4ndert). M\u00fcller erl\u00e4uterte, dass das Gesundheitsamt des\nKreises Paderborn als staatliche Institution auch Aufgaben nach dem\nInfektionsschutzgesetz zu leisten habe, also die Bev\u00f6lkerung vor Seuchen\nsch\u00fctzen m\u00fcsse. \u00c4ltere Semester kannten noch die Pockenimpfung, die\nverpflichtend in den Schulen durchgef\u00fchrt wurde. Und bei Masern wisse man, dass\ndie Durchimpfungsrate derzeit nicht hoch genug sei, um die Menschen vor dieser\ngef\u00e4hrlichen Erkrankung zu sch\u00fctzen. <br>\nZu teure Wohnungen und Wartelisten f\u00fcr Kinderg\u00e4rten, auch dar\u00fcber machten sich\ndie Jugendlichen Sorgen. Auch da m\u00fcsse der Staat mehr tun. Die\nWohnungsknappheit hat den Artikel 15 des GG popul\u00e4r gemacht, der es dem Staat\n\u201ezum Zwecke der Gesellschaft\u201c erm\u00f6glicht, zu enteignen. \u201eAber das geht nicht\nohne Entsch\u00e4digung, und auch das ist grundgesetzlich in Artikel 14 geregelt\u201c,\nbetont der Landrat.<br>\n<br>\nJutta Wegemann, Lehrerin am Helene-Weber-Berufskolleg, erinnerte abschlie\u00dfend\ndaran, dass die M\u00fctter und V\u00e4ter des Grundgesetzes mit Blick auf den Terror und\ndas Unrechtsregime der Nazizeit ganz bewusst den Staat und seine\nEingriffsrechte begrenzen wollten. \u201eAlso nicht zu viel Staat\u201c, betonte\nWegemann. Deshalb stehen in Artikel 1 des GG zwei S\u00e4tze: Die W\u00fcrde des Menschen\nist unantastbar. Sie zu achten und zu sch\u00fctzen ist Verpflichtung aller Gewalt.\nDas hei\u00dfe aber auch, dass in einer Demokratie nicht alle W\u00fcnsche sofort und\nimmer erf\u00fcllt werden k\u00f6nnten. Der Einzelne also auch seine Verantwortung f\u00fcr\nsich und andere wahrnehmen m\u00fcsse. Gleichzeitig garantiert die grundgesetzlich\ngesch\u00fctzte Meinungs- und Pressefreiheit, dass jeder sich f\u00fcr seine Belange auch\n\u00f6ffentlich einsetzen kann. Das Fazit an diesem Morgen im\nHelene-Weber-Berufskolleg: Letztlich ist die Demokratie eine Dauerbaustelle.\nDoch will man in Frieden und Freiheit leben, muss man um sie zu k\u00e4mpfen. Jeden\nTag.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>70 Jahre Grundgesetz: Landrat Manfred M\u00fcller diskutierte mit Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern des Helene-Weber-Berufskollegs \u00fcber die Bedeutung der Grundrechte im Alltag Als die kleine Helene im M\u00e4rz 1881 in Wuppertal-Elberfeld das Licht der Welt erblickte, ahnte niemand, dass diese Frau einmal &hellip; <a href=\"https:\/\/hwbk.de\/WordPress_02\/demokratie-als-dauerbaustelle\/\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":3177,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-3176","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-artikel"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hwbk.de\/WordPress_02\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3176","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hwbk.de\/WordPress_02\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hwbk.de\/WordPress_02\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hwbk.de\/WordPress_02\/wp-json\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hwbk.de\/WordPress_02\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3176"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/hwbk.de\/WordPress_02\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3176\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3184,"href":"https:\/\/hwbk.de\/WordPress_02\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3176\/revisions\/3184"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hwbk.de\/WordPress_02\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3177"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hwbk.de\/WordPress_02\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3176"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hwbk.de\/WordPress_02\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3176"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hwbk.de\/WordPress_02\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3176"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}